Sportmärchen -- Das gestohlene Spiegelbild                         Von Richard Reich

 

Die Tennisspielerin Steffi Graf war eine der meist­betrachteten Frauen des späten 20. Jahrhunderts. Nach ihrem Rücktritt 1997 gründete sie eine Stiftung für traumatisierte Kinder und einen Fitnessclub nur für Frauen. Steffi Graf ist verheiratet mit dem Ex-Tennisprofi André Agassi und hat zwei Kinder.

 

Es war einmal eine Gräfin, die lebte mit ihrem Kind auf einem Schloss. Dieses stand in einem dunklen Wald, der war so tief, dass sich jeder Wanderer darin verirrte. Rings um das Schloss aber verlief ein Graben, dessen Wasser war so kalt, dass jeder Schwimmer darin ertrank. Daher bekamen die Gräfin und ihr Kind ­niemals Besuch, ausser von einer alten Fledermaus, die beim Einnachten durchs Turmgebälk flatterte. «Sag, Mutter, sind wir denn ganz allein auf der Welt?» fragte das Kind, wenn es am Fenster seines Kämmerleins bang in die schwarze Nacht hinausschaute. «Aber nein», antwortete die Gräfin, «hinter dem Wald wohnen mehr Menschen, als du Sterne am Himmelszelt zählen kannst. Warte nur, bis du gross und stark genug bist, dann wirst du sie schon kennenlernen.»

 

Sobald das Kind eingeschlafen war, ging die Gräfin in den Spiegelsaal. Dortbetrachtete sie sich von allen Seiten und flüsterte leise: «Dies ist mein Fuss… das ist mein Knie… das ist meine Brust… dies sind meine Augen…» Und als sie alle Körperteile aufgezählt hatte, legte sie sich schlafen.

 

Am Tage sass die Gräfin am Fenster und sah dem Kind beim Spielen zu. Dieseswarf seinen Ball immer tausend Mal gegen die Schlossmauer. Dann ging es zum Wassergraben, um zu sehen, ob es inzwischen gewachsen sei. Eines Tages kam das Kind ins Schloss gerannt und rief: «Mutter, stell dir vor: Ich bin jetzt so gross, dass mein Spiegelbild, wenn ich die Arme ausstrecke, die Gräser am anderen Ufer berührt!» Die Gräfin aber nickte beklommen und flüsterte: «Das ist… schön, mein Kind.» Als die Gräfin in dieser Nacht aus dem Spiegelsaal trat, sah sie ihre Tochter im Mondlicht am Wasser stehen. Da eilte die Mutter hinzu und sprach: «Bevor ich dich gehen lasse, Kind, muss ich dir eine Geschichte erzählen!»

 

«Als ich in deinem Alter war», begann die Gräfin, «lebte ich nicht auf diesem Schloss, sondern unter den Menschen. Ich war ein Kind wie du und spielte Kinderspiele wie die andern. Eines Tages aber trat ein Mensch auf mich zu und sprach: ‹Ach, Mädchen, von allen bist du die Geschickteste mit dem Ball! Nimm zum Lohn diesen Apfel!› Kaum hatte der Fremde gesprochen, kam ein zweiter her­bei und drückte mir zum Zeichen seiner Bewunderung ein Goldstück in die Hand. Alsbald kam ein dritter und schenkte mir eine Kutsche, ein vierter gab mir fünf weisse Pferde, und bevor es Abend wurde, war der Marktplatz schwarz von Menschen, die mir beim Ballspielen zusahen.» Einen Augenblick lang lächelte die Gräfin in glücklicher Erinnerung. Dann erzählte sie weiter.

 

«Am Anfang erfreute mich das Auf­sehen, das ich erregte. Doch eines Tages, alsich mich eben nach dem Ball bückte, vernahm ich in meinem Rücken eine Stimme, die flüsterte: ‹Seht euch bloss diese dicken Beine an!› Da murmelte eine andere Stimme: ‹Und diese Arme! Sind sie nicht viel zu dick?!› Und schon fiel eine dritte Stimme ein: ‹Ihre Brust ist ja viel zu flach!› Und eine vierte zischte: ‹Die Nase ist zu gross! Die Haare sind zu blond!› Und so ging es immer weiter, und je länger diese Menschen meinen Leib besahen und besprachen, desto mehr kam es mir vor, als ginge er mir verloren.» Die Gräfin erschauderte. Dann fuhr sie leise fort: «Einmal ist mir mitten im Spiel der Ball in den Brunnen gefallen. Wie ich mich über das Wasser beugte, schrak ich zurück, denn stell dir vor: Mein Spiegelbild war… verschwunden! – So bin ich noch in derselben Nacht in dieses Schloss geflohen.»

Jetzt schwieg die Mutter und blickte auf ihr Kind. Dieses schneuzte sich dreimal in sein weisses Tüchlein, dann aber richtete sich der Gräfin Tochter auf und sprach: «Bevor ich nun gehe, liebe Mutter, berichte mir: Wer ist mein Vater?» Da lächelte die Gräfin und sagte verschmitzt: «Das, mein Kind, erzähle ich dir, wenn du wiederkehrst.»


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